banner_weiss.gif

Oranien-Apotheke

  • Apotheker Ekkehart Kaaker e.Kfm.
  • Bernauer Str. 25A
  • 16515 Oranienburg

Placebos: Behandlung ohne Wirkstoff

Placebos sind Arzneimittel ohne echte Wirkstoffe. Trotzdem setzen sie Ärzte oft erfolgreich ein. Warum manche Scheinmedikamente so gut funktionieren
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 25.01.2017

Medikament oder Placebo? Beide können den Körper beeinflussen

istock/skynesher

Placebos nennt man Scheinmedikamente, die keinen speziellen Wirkstoff enthalten – zumindest keinen gegen die Krankheit, die sie kurieren sollen. Meist handelt es sich bei ihnen um völlig harmlose Zuckerpillen und Kochsalzlösungen. Dennoch können sie wie echte Medikamente Krankheitssymptome deutlich bessern, wenn der Patient an ihre Wirksamkeit glaubt.

Nachgewiesener Effekt

Lange Zeit hieß es, die Wirkung beruhe nur auf der Einbildung der Patienten. Das ist inzwischen widerlegt. "Der Placebo-Effekt ist ein messbarer neurobiologischer Vorgang", sagt die Ärztin PD Dr. Karin Meißner. Sie forscht am Institut für Psychologische Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu den Wirkungsweisen von Placebos. Dank moderner Untersuchungsmethoden lässt sich die Wirkung der Scheinmedikamente auf das Gehirn nachverfolgen.

Bei Schmerzen ist der Effekt inzwischen recht gut erforscht. So können Placebos bei Schmerzpatienten unter bestimmten Bedingungen im zentralen Nervensystem zu einer Ausschüttung von Endorphinen führen. Diese lindern die Schmerzen. Meißner vermutet, dass das Schlucken der Präparate beim Patienten bestimmte Assoziationen auslöst, die wiederum die erhöhte Produktion zur Folge haben.

Wirkung auf die inneren Organe noch wenig erforscht

Einen ähnlichen Effekt konnte ein Forscherteam an der kanadischen Universität Vancouver bei Parkinson-Patienten nachweisen: Die Wissenschaftler gaben Patienten ein Placebo mit dem Versprechen, das Mittel werde die Motorik verbessern. Anschließend erhöhte sich bei den Versuchspersonen tatsächlich die Koordination. Bestimmte Nervenzellen im Gehirn, die an der Steuerung von Bewegungsvorgängen beteiligt sind, schütteten dabei vorübergehend verstärkt den Botenstoff Dopamin aus, an dem es bei Parkinson mangelt.

Prof. Dr. med. habil. Karin Meißner

W&B/Privat

Ein wichtiges, wenn auch bislang weniger gut erforschtes Feld ist die Wirkung auf die inneren Organe. Magenaktivität, Blutdruck und sogar die Herzkranzarterien lassen sich beispielsweise mit Placebobehandlungen durchaus beeinflussen. Doch wie und in welchem Umfang, müssen zukünftige Studien erst noch zeigen.

Allerdings: "Placebos reichen als alleinige Behandlungsmethode bei Bluthochdruck sicher nicht aus", hält Meißner fest. Dasselbe gilt für Krankheiten wie den Morbus Parkinson.

Vertrauen in die Behandlung fördert den Placebo-Effekt

Außerdem beeinflussen viele Faktoren den Placebo-Effekt. Wichtig sind Persönlichkeit und Vorerfahrungen des Patienten. Hat er wenig Vertrauen in Arzt und Therapieverfahren, wirkt auch das Placebo schlechter. Das Gegenteil ist meist der Fall, wenn er eine höhere Erwartungshaltung mitbringt. Dann hilft das wirkstofflose Präparat besser. Optimisten sind also klar im Vorteil.

"Diese Effekte gibt es nicht nur bei Placebos, sondern bei vielen Medikamenten und Therapien", erklärt Meißner. Erwartet der Patient von einer echten Arznei eine Besserung seines Zustands, wirkt sie tendenziell auch besser.

In der täglichen Praxis kommen auch sogenannte Pseudo-Placebos zum Einsatz. Diese "unreinen" Placebos haben zwar pharmakologische Wirkungen (übrigens auch Nebenwirkungen), jedoch wirken sie nicht speziell gegen die im Einzelfall  zu behandelnde Krankheit. Der Arzt wird immer sehr genau prüfen, ob er bei einem Patienten wirklich ein Placebo einsetzen sollte und wenn ja welcher Art.

Nocebo: Negativer Placebo-Effekt

Die Psyche beeinflusst also, wie Medikamente wirken – in beide Richtungen. So kann das Auftreten von unerwünschten Nebenwirkungen zum Teil auch auf negativen Erwartungen beruhen. Ärzte sprechen dann von einem Nocebo-Effekt.

Auch dieser Nocebo-Effekt ist durch einige wissenschaftliche Untersuchungen belegt: Studienteilnehmer, die glaubten, ihnen würde Strom durch den Kopf geleitet, entwickelten prompt Kopfschmerzen. In einem weiteren Experiment nahmen Menschen mit einer Nahrungsmittelallergie teil. Ärzte injizierten ihnen reine Kochsalzlösung, gaben aber an, die Flüssigkeit beinhalte ein Allergen. Als Folge wies jeder vierte Proband allergische Symptome auf.

Auch die Wirkung von echten Medikamenten wird durch Information beeinflusst: Das zeigt zum Beispiel eine Studie, in der die Teilnehmer ein starkes Schmerzmedikament mit der Information erhielten, das Mittel verstärke Schmerzen, statt sie zu verringern. Bei einer darauffolgenden Schmerzreizung zeigten die Probanden dann genauso viel Schmerzen wie ohne Medikament. Die schmerzstillende Wirkung des Mittels wurde also durch die widersprüchliche negative Erwartung aufgehoben.

In der Grauzone

Placebos sind kein Randthema im medizinischen Alltag. Aus der Befragung von 400 niedergelassenen Ärzten in Bayern weiß Placeboforscherin Meißner, dass 80 bis 90 Prozent von ihnen mehrmals im Jahr Therapien ohne wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit verschreiben. Oft hat die Verwendung von Placebos pragmatische Gründe. Manche Patienten möchten unbedingt ein Medikament gegen ihre Beschwerden verschrieben bekommen – ob es für die nun eine anerkannte Behandlungsmethode gibt oder nicht. Die scheinbaren Arzneien bieten hier eine Möglichkeit. Diese Praxis ist allerdings nicht unproblematisch, weil sie im Konflikt mit der ärztlichen Aufklärungspflicht stehen kann.

Meißner rät Ärzten deshalb, mit Patienten offen über das Thema zu sprechen. Sie also darüber aufzuklären, dass es sich bei dem Präparat um ein Placebo ohne nachweislich gegen diese spezielle Erkrankung wirksamen Arzneistoff handelt, es aber dennoch bei vielen hilft. Entgegen der weit verbreiteten Meinung können Placebos nämlich auch wirken, wenn den betreffenden Personen bewusst ist, dass es sich um solche handelt.

Lesen Sie auch:

Arzt-Patienten-Kommunikation

Kommunikation: Den Arzt besser verstehen »

Klappt die Kommunikation zwischen Arzt und Patient nicht, können Missverständnisse den Erfolg der Behandlung gefährden  »



Bildnachweis: W&B/Privat, istock/skynesher, W&B/Katrin Binner

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages