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„Fan-Sein ist identitätsstiftend“

Wann ist ein Fan ein Fan? Und warum begeistert Star Wars Menschen auf der ganzen Welt? Fanforscher Dr. Matthias Völcker im Interview
von Valerie Till, aktualisiert am 17.12.2015

Verkleidete Fans: Sich einmal wie die Helden aus Star Wars fühlen

F1online/AGE/PYMCAUIG

Am 17. Dezember startet der neue Star Wars-Film in den deutschen Kinos, der bereits vor Kinostart im November einen neuen Vorverkaufsrekord erzielte. Fans auf der ganzen Welt brennen darauf, den neuen Teil der Sternensaga zu sehen. Was es einem Menschen bringen kann, Fan von etwas zu sein, und was für Fans das Faszinierende an Star Wars ist, erläutert Fanforscher Dr. Matthias Völcker von der Universität Göttingen im Interview.

Herr Völcker, warum begeistern sich so viele Menschen für die Star Wars-Filme?

Sie entfalten auf zwei Ebenen eine Wirkung. Einerseits können die Filme durch ganz viele unterschiedliche Aspekte überzeugen. Zum Beispiel durch die visuelle Gestaltung, die Soundeffekte, den mythologischen Unterbau, Elemente des Märchens, spannende Grundthemen wie Gut gegen Böse, die in unserer Kultur schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben – es passt alles zusammen.

Dr. Matthias Völcker arbeitet am Arbeitsbereich Pädagogische Sozialisationsforschung des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Universität Göttingen

W&B/Privat

Die Filme funktionieren aber auch auf der Ebene des Fan-Seins und die ist hochgradig individuell. Dieses große fiktive Universum bietet Fans verschiedene Optionen, Teil dieser Welt sein zu können. Sie können Figuren sammeln, eigene Geschichten schreiben, Bücher lesen, Rollenspiele spielen oder Ähnliches. Manche Fans haben bereits vor knapp 40 Jahren, 1977, mit dem ersten Film angefangen, eine Leidenschaft für Star Wars zu entwickeln. Das ist, als ob sie eine Beziehung eingegangen sind, die sich dann im Laufe der Jahre entwickelt hat. Diese Fans sind emotional stark involviert und für sie ist der neue Film das Highlight des Jahres, das vorgezogene Weihnachtsfest. Aber auch wenn die Filme im Mittelpunkt stehen – das Fan-Sein ist viel komplizierter und komplexer.

Warum können ausgerechnet Science-Fiction- und Fantasy-Welten wie in Star Wars oder Herr der Ringe so viele Menschen begeistern?

Star Wars oder Herr der Ringe sind klassisch mythologische Erzählungen, bei denen die Heldenreise im Mittelpunkt steht. Bei Star Wars ist es der Bauernjunge, der in den großen galaktischen Konflikt hineingezogen wird. Bei Herr der Ringe ist es der kleine Hobbit, der Teil des Ringkriegs wird. Der Zuschauer kann die Entwicklung der Figuren nachverfolgen. Er sieht, vor welche Herausforderungen sie gestellt werden, wie sie damit umgehen und was mit ihnen passiert. Er kann sogenannte Initiationsmomente nachverfolgen. Das ist etwas, das in unserer modernen Gesellschaft im Großen und Ganzen fehlt. Das Beobachten von solchen Entwicklungen kann dem eigenen Selbstverständnis helfen, solche Veränderungsprozesse zu verhandeln.

Wann ist ein Fan ein Fan?

In Deutschland gibt es bisher leider wenig Forschung dazu. Aber im deutschsprachigen Raum sprechen wir von Fans, wenn Menschen mit Leidenschaft einem ganz spezifischen Interesse nachgehen, sei es beispielsweise ein Film, ein Star, eine Sportart oder eine Musikrichtung. Forscher aus den USA und Großbritannien unterscheiden stark zwischen den Fans, in der Hinsicht, wie sie ihr Fan-Sein ausleben. Da gibt es zum Beispiel die Gruppe der Fans, die nur konsumieren und sich mit der Kernerzählung eines Films auseinandersetzen, sonst aber nicht stark involviert sind. Und dann gibt es wiederum solche Fans, die man als Kleinproduzenten bezeichnet, da sie beispielsweise eigene Kostüme herstellen und verkaufen.

Wo Sie gerade die Kostüme nennen: Für Außenstehende kann es befremdlich wirken, wenn Fans sich zum Beispiel zum Kinostart ihres Lieblingsfilms verkleidet ins Kino setzen oder sich zu Rollenspielen treffen, um in diese fremde Welt einzutauchen. Ist das nicht etwas viel Realitätsflucht?

Nein, von außen betrachtet ist es immer leicht zu sagen, dass etwas nicht normal ist. Es kommt aber auf die Innenperspektive an. Es hängt davon ab, wie Menschen sich selbst und ihr Fan-Sein verstehen und wie stabil sie in dem sind, was sie machen. Das ist das Wichtige und Entscheidende an der ganzen Sache. Ich warne davor, pauschal zu urteilen und in eine Schwarz-Weiß-Denke zu verfallen.

Lieber sollte man versuchen, diese Menschen in ihrem Fan-Sein anzunehmen, auch wenn man es nicht nachvollziehen kann. Und man sollte versuchen, es verstehen zu lernen, es als Anregung zu begreifen, das Warum kennenzulernen. Denn irgendwo hat es ja eine Ursache, warum sich jemand so für etwas begeistert. Problematisch könnte es werden, wenn ein Fan nur noch in der fiktiven Welt lebt, den Zugang zur Realität verliert, seinen Beruf und soziale Beziehungen vernachlässigt. Wenn er alles in eine Sache investiert und auch Suchtaspekte sichtbar werden.

Welchen Einfluss hat Fan-Sein auf unsere Identität?

Das Fan-Sein etabliert eine bestimmte Beziehungsstruktur. Einerseits zu sich selbst – wie man sich selbst versteht, aber auch zur Umwelt. In einer Zeit, in der die Gesellschaft sehr komplex ist, es viel Instabilität und Veränderungsprozesse gibt, bietet der Fan-Gegenstand einem Fan Stabilität. An ihm kann er sich orientieren. Und das ist letztendlich identitätsstiftend. Denn in dieser ganz eigenen Welt kann der Fan er selbst sein. Hier gelingt Identität.

Kann es einen Menschen persönlich weiterbringen, Fan von etwas zu sein?

Es kann ein großes Anregungspotenzial beinhalten. In meinem Forschungsprojekt habe ich junge und erwachsene Fans kennengelernt, bei denen sich mit dem Fan-Sein kreative Potenziale entfaltet und entwickelt haben. Sie haben beispielsweise angefangen, eigene Kurzgeschichten zu schreiben oder eigene Spielpraktiken zu entwickeln, in denen sie sich ausleben können. Das passiert jenseits von Merchandising oder Spielzeug.



Bildnachweis: Mauritius images / United Archives, dpa Picture-Alliance / Ulises Ruiz Basurto, Laif/Cineliz/AllPix, ddp images/CAMERA PRESS/Jerry Watson, Glow Images, Sunset Box/Allpix Press/laif, W&B/Privat, F1online/AGE/PYMCAUIG

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